Analyse

Ist die Zeichnung des Zeitbalkens mit der nötigen Genauigkeit abgeschlossen, kann die Analyse wie folgt durchgeführt werden:

  • Durchsicht der einzelnen Dimensionen der Biografie: Wodurch sind sie gekennzeichnet, was unterscheidet sie von „normalen“ oder erwartbaren Biografieverläufen. Unter „Normalität“ ist hier nicht eine gesellschaftliche Normalität gemeint, sondern die subjektive und aus dem sozialen Ort erwachsende Normalität der Perspektive und der erwartbaren Erwartungen der Ankerperson. Im vorliegenden Beispiel finden wir solche Brüche im Kindheits- und Jugendalter in der Dimension Familie und im Erwachsenenalter in der Dimension Arbeit.
  • Aufmerksamkeit auf die Leerräume im Zeitbalken: Nicht nur eingetretene Ereignisse, sondern auch nicht-eingetretene Ereignisse sind mitunter prägende biografische Erfahrungen. (Hier: das völlige Fehlen von Partnerschaften und die Phasen von Arbeitslosigkeit)
  • Aufspüren von zeitlichen Zusammenhängen: Sind Ereignisse in einer Dimension von Ereignissen in anderen Dimensionen zeitlich nahe begleitet? Andererseits aber auch: Was war kontinuierlich, obwohl in anderen Dimensionen sich die Ereignisse überstürzten? (Hier: die beachtenswerte Kontinuität der Schulkarriere trotz dramatischer Entwicklungen im engsten familiären Umfeld)
  • Einschätzung der aktuellen Situation im lebensgeschichtlichen Kontext: Hat es ähnliche Situationen schon einmal gegeben? Was ist an ihr völlig neu? Ähnlichkeiten verweisen auf Erfahrungen mit der Bewältigung schwieriger Situationen, Neues auf die Notwendigkeit der Beschäftigung mit den Coping-Strategien.


Wie bei allen „bildgebenden Verfahren“ der Diagnostik lohnt sich die Mühe der Grafikerstellung nur dann, wenn man sich in der Interpretation auf die Grafik einlässt, auf ihre Darstellungslogik, ihre Anordnung der Fakten, ihre Möglichkeiten des Sichtbarmachens von Zusammenhängen bei gleichzeitigem Ausblenden anderer möglicher Zusammenhänge. Erstellung und Interpretation des biografischen Zeitbalkens müssen gelernt und geübt werden, dann kann er zu einem Instrument werden, das wertvolle Hinweise für die Interventionsplanung gibt. Dies gilt vor allem in Kombination mit der Netzwerkkarte. In der Arbeit mit den beiden Instrumenten zeigte sich, dass in manchen Fällen der Zeitbalken, in anderen die Netzwerkkarte entscheidende Hinweise für die Interventionsplanung gab und dass vor Anwendung der Instrumente nicht vorauszusagen war, welches produktiver sein würde. Dies ist auch ein Beleg dafür, dass beide Instrumente nicht nur bereits Bekanntes neu/anders darstellen, sondern wirklich zu neuen Erkenntnissen über den Fall führen können. Sie sind damit mehr als bloße Notationssysteme.